Zwischen den ersten beiden Fotos lag zeitlich der "Markttag" (alle folgenden Fotos) bei "Ein Fest für alle", dem Reformations-Jubiläums-Fest des Ev.-luth. Stadtkirchenverbandes Hannover am 26.08.2017. Und ja, es hat einen Platzregen gegeben, wie man gut am nassen und beklebten Luther sehen kann - aber da war der Markttag schon zu Ende.

Die Ev.-luth. Südstadt-Kirchengemeinde war natürlich auch vertreten. Unter unserem Motto "Erinnern-loslassen-ins Leben hinein" konnte man alles, was man mal loswerden wollte, auch ganz einfach loslassen. Zettel an den Ballon und hinfort damit! Einfach mal loslassen!

Wir zeigten den Lebensweg eines Menschen von der Geburt bis zum Tod - und einer möglichen Bestattung im Kolumbarium in der Nazarethkirche.

Und auch beim Paulus-Bazar gibt es Vielerlei zu kaufen, was Menschen zuvor losgelassen haben, damit es über den Verkauf beim Bazar bei irgendjemand anderem sinnbildlich wieder zu neuem Leben erweckt wird. Und einige der Gegenstände unserer kleinen Ausstellung haben uns sogar ihre bisherige Lebensgeschichte erzählt. Die Geschichten zu einzelnen Bazar-Gegenständen finden sich am Ende dieses Artikels.

Wir danken allen Mitplanenden und Mitwirkenden an unserem Stand, dem Historischen Museum für den Leih der zwei Vitrinen, der St. Martin-Kirchengemeinde Anderten für den Leih des großen Pultes, dem Stephansstift Hannover für den Leih der Spuckschutze (die heißen echt so), hinter denen wir die Bazar-Gegenstände zeigen konnten.

Und hier sind noch die Geschichten zu unseren Bazar-Gegenständen:

 

Eine alte Trinkflasche erzählt:

Geboren wurde ich in den goldenen Sechzigern. Darauf bin ich sehr stolz. Denn zu dieser Zeit war grau-blau-meliert gerade der letzte Schrei. Ich stand daher auch nur kurze Zeit im Schaufenster eines kleines Ladens in einer süddeutschen Kleinstadt, deren Namen ich vergessen habe… Dann wurde ich von einer jungen Frau gekauft, liebevoll in Geschenkpapier gewickelt und mit folgenden Worten an meine zukünftigen Besitzer übergeben: „… ich weiß ja, wie gerne ihr an Wochenenden ins Grüne fahrt und picknickt…“ Ich wurde also zur Wasserflasche eines junges Paares, das mich tatsächlich regelmäßig mit Wasser füllte und auf seine Wanderungen in die Natur mitnahm. Auf einem besonders schönen Ausflug an einen kleinen Bachlauf, an dem mich meine Besitzer erneut mit frischem Wasser füllen wollten, blieb ich auf einem Stein stehen … In den folgenden Nächten regnete es heftig, und ich verlor langsam an Glanz - und an Hoffnung, dass meine Besitzer mich vermissen und sich auf die Suche nach mir begeben würden.

Ich habe irgendwann aufgehört, die Nächte zu zählen, in denen ich auf diesem Stein stand. Ich bekam die ersten Rostflecken und Dellen von Tieren, die mich beschnüffelten und von meinem Stein herunterstießen - so würde mich wohl keiner mehr haben wollen. Doch eines Tages hörte ich Stimmen  - zuerst dachte ich an mein junges Besitzerpaar, aber dann erkannte ich, dass es eine Familie mit Kindern war. Die Kinder kamen auch bald zum Bachlauf, und ein kleines Mädchen entdeckte mich und war so entzückt von mir, dass sie mich in den Arm nahm und nicht einmal ihren Geschwistern zeigen wollte. Ich wurde zum Prunkstück eines Kinderzimmers mit immer wechselnden frischen Wiesenblumen (manchmal auch mit einer Blüte, die meine kleine Besitzerin aus dem elterlichen Garten geklaut hatte, wie sie mir anvertraute). Weil sie mich so liebte, wurde ich natürlich auch in viele Spiele mit ihren Freundinnen eingebaut - und - das könnt ihr mir glauben - ich hatte immer eine wichtige Rolle (wie sie besonderen Wasserflaschen zusteht…).

 

Ein Kerzenleuchter berichtet:

„Wann meine Geschichte beginnt? Das weiß ich nicht mehr...

Aber im Frühjahr 1986 bekam sie auf jeden Fall eine neue Wendung: Ich landete auf dem Sperrmüll in Bemerode!

Das waren damals noch die Zeiten, als es feste Abfuhrtermine für größere Gebiete gab und im Prinzip alle Haushalte Sperrmüllhaufen vor ihrer Tür hatten. Dies hatte zur Folge, dass es viele Menschen gab, die von Haufen zu Haufen zogen, um noch brauchbare Dinge zu finden. Man konnte sich so sogar komplett einrichten.

Auch eine kleine Schar von Studenten zog deshalb durch Bemerode – und einer von ihnen fand mich und nahm mich mit. Ich durfte also ab dem Zeitpunkt eine Studentenbude erleuchten und am regen Studentenleben teilnehmen.

Und nach dem Studium gelangte ich in den Haushalt des nunmehr ehemaligen Studenten und seiner Lebensgefährtin. Ich stand im Schrank neben anderen Leuchtern und kam leider nur noch sehr selten zum Einsatz.

Es kam, wie es scheinbar kommen musste: auch hier wurde ich eines Tages dann aussortiert.

Nur ging es diesmal nicht wieder in den Müll sondern in einen Koffer. Wie ich später merkte, nutzte der ehemalige Student diesen Koffer dienstlich, weil er mit jungen Menschen zu tun hatte, mit denen er immer mal wieder verreiste. Auf diesen Reisen gab es abendliches Zusammensitzen und auch Andachten – und um das alles schön zu gestalten, gab es diesen Koffer mit viel Material.

Und ich? Ich kam sowohl bei den „gemütlichen Abend-Runden“ als auch bei den Andachten immer mal wieder zum Einsatz.

Und so bin ich heute also unterwegs im Auftrag des HERRN!“

 

Die Geschichte einer Glasschale:

Aaach – endlich…

endlich beachtet mich jemand!

Ich habe es nicht verdient, dass ich hier auf dem Flohmarkt stehe und nicht mehr gebraucht werde.

Ich bin noch gut in Schuss, nicht angeschlagen, aber man wollte mich nicht mehr.

Dabei hat sich mein Schöpfer doch was dabei gedacht, als er mir diese schöne Form gab!

Gut – ich bin nicht aus so edlem Bleikristall, sondern nur aus Haushaltsglas, aber leckere Kekse oder Pralinen bringe ich noch gut zur Geltung.

Meine Vorbesitzer hatten mich immer auf einem Beistelltisch stehen. Dort wirkte ich richtig gut – bis ich von so einer edlen Kristallschale abgelöst wurde.

Dann landete ich im Schrank und wurde immer weiter nach hinten geschoben.

Letztens, beim Aufräumen sollte ich in den Glascontainer – hatte aber noch 'mal Glück und kam auf den Flohmarkt.

Nun – hier ist die Konkurrenz groß, aber du betrachtest mich gerade – nimmst du mich?

Dann kann ich wieder am Leben teilnehmen.

 

"Grütze unter der Mütze..."

"Poesiealben sind eigentlich ´was für Mädchen", sagte meine Großmutter immer. Meine Brüder bekamen zwar auch eins geschenkt, straften es aber mit Nichtachtung.

In dem alten Poesiealbum mit dem blassblauen Papiereinband, das ich auf unserem Gemeindebasar gefunden habe, ist das ähnlich.

Wenn Jungen hineingeschrieben haben, dann meistens Verwandte: Brüder und Cousins konnten sich offensichtlich nicht entziehen. Sie mussten, und manche wollten vielleicht sogar.

Ein Wort des großen Bruders Herbert hat mich sehr berührt: Er schrieb Ende März 1939, kurz vor Kriegsbeginn in das Album seiner kleinen Schwester Helga, Klasse 1b. "Ursprünglich eigenen Sinn lass dir nicht rauben. Woran die Menge glaubt, ist leicht zu glauben. Natürlich mit Verstand sei du beflissen. Was der Gescheite weiß, ist schwer zu wissen." Und eine Seite weiter die Lehrerin: "Sei deines Willens Herr und deines Gewissens Knecht" - Zwei Dichterworte, die in dieser Zeit hochbrisant waren. Denn die meisten Menschen in Deutschland schienen damals wie im Rausch, ließen sich mitreißen von den Erfolgen der Nazis. Schon Kinder und Jugendliche wurden mit Liedern und Parolen eingeschworen auf diese Ideologie, und wer nicht mitzog wurde zum Außenseiter - oft mit schlimmen Folgen.

Im Spiegel dieser Worte zeigt sich der Ernst dieser Zeit, Aber in diesem Poesiealbum wird spürbar, dass es auch Menschen gab, die eine Ahnung davon hatten, was es zu bewahren galt, um sich vor der Gleichschaltung in Acht zu nehmen: ein waches Gewissen, eigenen Willen und ein Verstand, der nicht nur nach dem eigenen Nutzen schielt, sondern auch das Wohl seines Mitmenschen im Blick behält - ohne Ansehen der Person.

So zu leben war und ist bis heute dennoch keine Frage der Bildung.

In dem alten blassblau eingebundenen Album hat das in dieser Reihe der Cousin Gustav auf den Punkt gebracht, wenn er schreibt: "Ein bisschen Grütze unter der Mütze ist viel nütze. Aber ein Herz unter der Weste ist das allerbeste!"

 

Aus dem Leben einer alten Wanduhr:

Die Zeit steht still. Kein Stundenläuten. Kein rhythmisches Ticken. Die ausgeklügelte Mechanik hinter dem Ziffernblatt wartet darauf, wieder in Gang gesetzt zu werden.

Ein Kunstwerk geschaffen. In einer Werkstatt tat sie ihren ersten Schlag.

In braunes Papier verpackt trug der sie nach Haus. Ein Geschenk für seine Ehefrau.

Ein Nagel an der Wand. Dort hing sie. Stunde für Stunde. Nach 142691 Stunden – 53 Jahre später –  hat sie das schwingende Pendel angehalten. Mit seinem letzten Atemzug erstarb auch ihr Ticken.

Sie schlug später weiter. Woanders.

Vom Staub befreit hing sie dann in einer Küche. Ihr Ticken der Takt zwischen sprudelndem Kochwasser, brühendem Kaffee, dem Radio. Übertönt vom Stimmengewirr und lauter Musik. Manchmal samstags. Bis sie zwei schlug. Oder später. Danach war es lange still. Nur ihr Ticken im Raum.

Die WG hat sich aufgelöst. Man hat sie weitergegeben. Jetzt steht sie still. Wenn sie erzählen könnte… Von dem leisen Flüstern hinter der Tapete. Vom Tanzen im Wohnzimmer am Hochzeitstag. Den Freundinnen am Samstagnachmittag. Um drei. Beim Kaffee. Probleme bereden. Oder nur so.

Sie steht hier und wartet. Auf einen kleinen Schubs, der das Pendel zum Schwingen bringt. Die Zahnräder greifen ineinander, die Zeiger rücken mit jedem Ticken ein Stück weiter vor.

Minute um Minute. Ins Leben hinein.

 

Lebenlassen.

Gesangbuch und Papierengel aus dem Hause Thies, 1900 / 2011.

Dünnes, vergilbtes Papier. Eng bedruckt mit altdeutscher Schrift.

Gefaltet zum Rock eines Engels, ein Kleid aus Wörtern.

637.0 und „Eigene Melodie“ steht drüber.

Ohne Noten, ein „Lied zum ewigen Gebet“.

Als Kopf eine Perle aus schlichtem Holz.

Kein Gesichtsausdruck, nicht einmal Augen.

Flügel aus Liedern vergangener Zeiten.

Aufgehängt an dünnen Fäden,

in Fenstern und über Betten.

Papierengel: Familiengeschichte und Himmelsgruß zugleich.

Vor 10 Jahren oder so tauchten sie plötzlich auf. In Scharen, wie es sich für Engel gehört. Zum Geburtstag steckst du sie deinen Kindern und Enkeln mit in den Umschlag. Wünschtest Gottes Segen. Und dass wir behütet sein mögen. Zum Umzug und zur Hochzeit, zur Geburt der Urenkelinnen folgten weitere.

An Opas Sterbebett hab ich dich das erste Mal gefragt, wo sie herkommen, die Himmlischen Heerscharen. „Ach“, meintest du, „in de greunen Zeitung wör eene Anleitung. Und wie harn dor een Kuffer full oler Gesangsbeuker up’en Bönn.“

Alte Gesangsbücher. Familienschätze, die niemand haben wollte. Zumeist mit Namen und Konfirmationsdatum versehen. Aussortiert, wenn Gemeinden nach neuen verlangten oder die Besitzerinnen starben. Zwei hast du mir geschenkt, zur Einsegnung im Rauhen Haus. Weil ich sie damals zu schade fand zum Verbasteln. Nun liegen sie im Regal, ziehen mit um und sammeln Staub. Vielleicht hätten sie doch lieber als Engel weiter gelebt?

Thies steht in dem einen. Nur Thies. Geschwungene Buchstaben. Schwarze Tinte, verblasst zu einem grau-blau. Kein Vorname, aber eine Frauenhandschrift, wage ich zu behaupten. Gedruckt ist das Buch 1900, nach einer Gesangbuchreform 1897. Thies ist dein Mädchenname, es wird wohl deiner Mutter Frieda oder deiner „Oma Bulseele“ gehört haben. Wie die hieß, weiß ich gar nicht – damals wurden in unserer Familie die Omas noch respektvoll nach Orten benannt.

Ziemlich verschlissen ist es. Das Leder brüchig, der Einband seltsamerweise verkehrt herum angebracht und die ehemals vergoldeten Buchstaben auf den Zierseiten abgenutzt. „Der Glaube ist die Zuversicht“, ist auf der ersten Seite eingeprägt und drückt sich als Relief durch auf die nächsten Seiten. Im Kopf vervollständige ich „Es ist aber der Glaube die Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht.“ Neeles Taufspruch und ein Gedanke, der mich durch die letzten Monate einer komplizierten Schwangerschaft getragen hat. Schön, ihn hier wieder zu finden.

Psalm 100 ist das erste Lied. Wieder steht „Eigene Melodie“ drüber. Woher ihr wohl wusstet, was ihr singen sollt? Es stehen keine Noten dabei. Die Lieder 5 bis 35 fehlen. Bestimmt hast du sie zu Engeln gefaltet und verschenkt. Weiter leben lassen.

Ab Lied 36 kommen Weihnachtslieder. Weihnachtslieder von 1900. „Vom Himmel hoch“ ist dabei. Und „Lobt Gott ihr Christen alle gleich“. Beide singen wir heute noch manchmal, wenn wir uns am 25.12. in deiner Stube versammeln.

Beim Durchblättern fällt mir auf, dass ich kaum etwas über deine Familiengeschichte weiß. 1930 bist du geboren und nach der Schule auf den Hof von Verwandten gekommen. Die, so ich es richtig erinnere, keine eigenen Kinder hatten und ihren Neffen, Opa Richard adoptiert haben, damit er den Hof übernehmen konnte. Dort habt ihr beide euch gefunden und verliebt.

Schön war es aber für dich nicht in diesem Mehrgenerationenhaushalt. Auch als du schon eigene Kinder hattest, musstest du sehr kämpfen. Stark warst du immer und wirktest auf mich als Kind durch deine resolute Art so viel strenger als meine andere Oma zu Hause. Als Schwan, treue Einzelgängerin, hat meine Mama dich mal beschrieben.

Du bist meine Oma Sophieanne. Sophieanne in einem Wort. Meist sage ich „Oma Anne“, wenn ich von dir erzähl. Ich weiß noch, dass ich bei dir mit im Bett schlafen durfte, wenn ich in Hülsen war. Auch als ich schon längst zur Schule ging, habt ihr immer Platz gemacht für mich.

Als Opa starb, konnten wir an seinem Bett zusammen beten. Gemeinsam loslassen. „Mok gaut“, hat er dir geantwortet, als du ihm früh morgens was zu trinken brachtest und „schlop noch schön“ gewünscht hast. Ein Abschied, der mich bis heute rührt. Eine Woche vor meiner Hochzeit ist er gestorben. Diese Woche ist es sechs Jahre her.