Die Geschichte der Nazarethgemeinde ist eng mit der Geschichte der hannoverschen Südstadt in der Zeit der Gründerjahre von 1871 an verknüpft. Nachdem die Gartenkirchengemeinde bereits drei Tochtergemeinden in die Selbständigkeit entlassen hatte, 1870 die Dreifaltigkeitskirchengemeinde, 1874 die Petrikirche in Kleefeld und die Pauluskirche 1886, zählte sie trotzdem im Jahre 1900 schon wieder 25000 Gemeindeglieder. Südlich der Marienstraße und des Misburger Damms begann ein neues Viertel zu wachsen und zwar in Richtung der Kosackerei, jenes Gebiet der Felder, Gärten und kleinen Häuser im Heidorn, in der Tiefenriede, der Questenhorst und Rüsterburg. So erwarb der Kirchenvorstand der Gartenkirche im Jahre 1901 für ca. 160.000 Mark ein Grundstück an der Ecke Krausenstraße / Sallstraße. Dort entstand 1904/1905 das Pfarrhaus, das dann von dem damaligen 3. Pastor der Gartenkirchengemeinde, Pastor Uhden, bezogen wurde. Im gleichen Jahr bekam nach einem ausgeschriebenen Wettbewerb der Architekt Otto Lüer den Auftrag für den Bau einer Kirche, für den der ev.luth. Gesamtverband 250.000 Mark bewilligte. Am 25. Juni 1905 erfolgte die Grundsteinlegung, und am 1. April 1907, dem 2. Ostertag, konnte nach knapp zweijähriger Bauzeit die Kirche eingeweiht werden, ein schlichter romanischer Gewölbebau mit einem 70 Meter hohen Turm.

Die Geschichte einer Kirchengemeinde ist gewiss nicht nur eine Geschichte der in ihr tätigen Pastoren. Aber dass der erste Pastor Karl Uhden diese Gemeinde an ihrem Beginn entscheidend geprägt hat, kann nicht verschwiegen werden. Er hat der Nazarethkirche ihren Namen gegeben, und auch die lange Zeit auf dem Altar befindliche Christusfigur des Braunschweiger Professors Echtermeier stimmt mit dem Geist seiner Predigten überein, die "Stunden mit Jesus" sein sollten. Der so betitelte Predigtband zeigt einen Prediger von dichterischer Begabung und anschaulicher Sprache, der die Menschen seiner Zeit anzusprechen wusste.

Es ist gewiss verständlich, wenn ältere Gemeindeglieder immer wieder bedauern, dass bei der Umgestaltung des Kirchenraumes in den 50er Jahren die Christusfigur vom Altar entfernt wurde und einen neuen Platz in der Eingangshalle der Kirche fand. Aber neben den gegenüber dem Jahre 1907 veränderten künstlerischen Gesichtspunkten der 50er Jahre möge gehört werden, was etwa im Jahre 1932 der spätere Amtsbruder von Pastor Uhden, Pastor Brammer, in seiner Chronik bemerkte: "Oder aber ist bei aller Lieblichkeit und Schönheit hier etwas Wesentliches nicht zu seinem Recht gekommen...? Der Meister dieses Werkes und die Erbauer der Kirche haben genauso wie die Theologen der Jahrhundertwende Jesus in der Hauptsache als den großen Prediger der Vaterliebe Gottes dargestellt, wie er einst von Nazareth ausgegangen ist, um den verlorenen Sohn zurückzurufen: Aber wo bleibt das Kreuz? Wo bleibt das offene Grab...? Christus ist doch gekommen, dass er die Werke des Teufels zerstöre. Christus ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt... Wo findet das alles hier seinen Ausdruck?"

Bei der Gründung betrug die Anzahl der Gemeindeglieder etwa 7000. Zunächst stand die Nazarethkirche am äußersten Rand der Stadt in grüner Umgebung. Aber in kürzester Zeit dehnen sich die Wohnviertel weiter nach Süden aus. Als die Gemeinde im Jahre 1932 zusammen mit ihrem ersten Pastor Karl Uhden das 25jährige Jubiläum begeht, ist die Zahl der Gemeindeglieder auf 20.000 angewachsen. Zwei Amtsbrüder stehen Pastor Uhden nun zur Seite, Pastor Erwin Sehlbrede seit 1920, und seit 1929 Pastor Johann Brammer. Inzwischen haben der Erste Weltkrieg und die 20er Jahre die Welt gründlich verändert. In den Ausgaben des Nazarethboten dieser Jahre finden sich viele Hinweise darauf, dass auch an der Nazarethgemeinde diese Krisen nicht spurlos vorübergegangen sind. Viele Menschen, die in der Gemeinde wohnen und als Mitglieder zu ihr gehören, leben an den Gottesdiensten und am Gemeindeleben vorbei. Die Pastoren, die Gemeindehelferinnen Frau Weißenborn und Fräulein Firnhaber mit der langjährigen Gemeindeschwester Anni v. Hinüber bemühen sich nach Kräften unermüdlich um die Familien und Menschen, unterstützt von einem aktiven Kirchenvorstand. Ein kirchlicher Hilfsverein bemüht sich um die sozialen Nöte der Familien, die von der Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit betroffen sind. Daneben treffen sich Kreise innerhalb der Gemeinde in den herkömmlichen Gruppen: Frauenverein, Kindergottesdiensthelferkreis, Jugendgruppen und Kirchenchor, um nur einige zu nennen. In der Jubiläumspredigt vom Sonntag, dem 3. April 1932, stellt Pastor Uhden die Frage: "Es fragt sich, ob du, Nazarethkirche, von dir sagen kannst: Etlichen war ich ein Brothaus, etlichen ein Trosthaus, etlichen ein Rathaus, etlichen ein Gerichtshaus, allen aber ein Lebens- und Ewigkeitshaus." Er gibt darauf die Antwort: "Und war es unter zehn nur einer, der sich Segen bei dir holte: dieser eine gab unbewusst den Segen weiter an die neun, gleich wie Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde. So wurden sie im Grunde alle gesegnet - heimlich und still." Bald darauf hat sich Pastor Uhden dann von der Gemeinde verabschiedet, um in den Ruhestand zu gehen.

Der große Umbruch des Jahres 1933 stellt die Nazarethgemeinde wie die ganze evangelische Kirche vor ihre bisher schwerste äußere und innere Bewährungsprobe, die Mitteilungen und Notizen in den Nazarethboten lassen erkennen, wie schwer es auch für überzeugte und fest gegründete Christen war, die Verführung der nationalen Parolen zu durchschauen und dahinter die zutiefst antikirchliche und unmenschliche Ideologie des Nationalsozialismus zu erkennen. Und doch finden sich nach manchen Wirrnissen und Kämpfen die beiden Pastoren Brammer und Sehlbrede, ebenso der neue Amtsbruder Pastor Vieth mit dem Kirchenvorstand zusammen, um dieser Ideologie gegenüber das Evangelium zu bezeugen. Die Mitarbeitenden Fräulein Firnhaber, Schwester Anni v. Hinüber, Frau Weißenborn und Diakon Malzahn stehen ihnen wacker zur Seite. Pastor Brammer hat sich durch sein unerschrockenes Eintreten für Wahrheit und Recht einige Male in schwere Gefahr gebracht, auch hat er sich verfolgter jüdischer Menschen angenommen. Nach dem Erliegen der kirchlichen Jugendarbeit kümmern sich die Pastoren trotz aller Schwierigkeiten durch Hitlerjugend und Partei desto intensiver um die Unterweisung der Konfirmanden und finden dabei auch Unterstützung durch Eltern. Der Kirchenkampf hat aber auch die Spreu vom Weizen geschieden und wirkliche Gemeinde entstehen lassen. Neben den allzu vielen, die ihre kirchliche Bindung opportunistischer Anpassung mehr oder weniger opfern, ist eine, wenn auch zahlen mäßig kleine Schar von Gemeindegliedern da, welche den Pastoren und den Mitarbeitenden äußerlich und innerlich zur Seite steht, darunter auch junge Menschen.

Der Zweite Weltkrieg bringt weitere Belastungen des kirchlichen Lebens. Die Männer im Felde, die Frauen oft unter der doppelten Last der Fürsorge für die Kinder und des Kriegsdienstes - das lässt die Zahl derer, die sich am kirchlichen Leben beteiligen, noch weiter zusammenschrumpfen. In dem Feuersturm der Bombennacht vom 8. zum 9. Oktober 1943 versinkt auch die Südstadt Hannovers in Trümmer. Das Pfarrhaus, der Turm, die Taufkapelle und Sakristei der Nazarethkirche werden zerstört, der Kirchenraum bleibt im wesentlichen erhalten. Besonders schwer ist der Pfarrbezirk West von Pastor Sehlbrede betroffen. Von den 256 Häusern seines Bezirkes sind nur noch 16 bewohnbar, von den 600 Häusern des Ostbezirks von Pastor Brammer sind immerhin 300 unversehrt. Die Zahl der Gemeindeglieder ist von 19.000 auf 4.000 gesunken. Viele Gemeindeglieder sind in den Flammen ums Leben gekommen. Nach Pastor Sehlbredes Weggang liegt die Aufgabe der pfarramtlichen Versorgung allein auf Pastor Brammer und beansprucht seine ganze Kraft. Abwechselnd werden die Kirche und der notdürftig hergerichtete Konfirmandenraum von neuen Bombenschäden betroffen. Trotzdem werden die Gottesdienste gehalten. Weihnachten 1944 stellt die katholische Nachbargemeinde St. Heinrich, selbst schwer betroffen, den unbeschädigten Teil ihres Kirchenraumes der Nazarethgemeinde zur Verfügung - dies war der Anfang einer bis heute währenden ökumenischen Verbindung. Aber auch das Henriettenstift bietet Raum für Nazareth. Als 1945 schließlich die Waffen schweigen, offenbart sich das ganze äußere und innere Ausmaß der Katastrophe eines Volkes. Enttäuschte und nieder gebrochene Menschen bedürfen der seelsorgerlichen Zuwendung. Entlassene Kriegsgefangene und evakuierte Hannoveraner kehren in die Trümmer zurück, dazu kommen Vertriebene aus dem Osten. Sie alle wollen in dem wenigen Wohnraum, der noch zur Verfügung steht, untergebracht sein. Neben den daraus erwachsenden seelsorgerlichen Aufgaben und äußeren Hilfen gegen Hunger und Kälte müssen der Kirchenraum und andere Räume für den Unterricht hergerichtet werden. Schon die Beschaffung des notwendigsten Baumaterials stellt Pastor Brammer und seine Mitarbeiter vor schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Und doch ist, als Pastor Brammer sich aus gesundheitlichen Gründen 1948 von der Gemeinde verabschiedet, bereits der Wiederaufbau eingeleitet.

Der Nachfolger von Pastor Brammer, Pastor Friedrich Niemann, mit seiner nicht minder tatkräftigen Gattin, kann bei diesem Wiederaufbau seine verschiedenartigen Gaben voll entfalten. Am 11. Juni 1955 werden das wieder aufgebaute Pfarr- und Gemeindehaus, am 1. Adventssonntag 1958 die zum Teil umgebaute und umgestaltete Kirche mit Hilfe von großen Spendenbeträgen aus der Gemeinde neu eingeweiht. Obwohl schon vor dem Zweiten Weltkrieg der damals südliche Teil der Nazarethgemeinde als Bugenhagengemeinde und in den 50er Jahren östlich der Eisenbahn die Melanchthongemeinde selbständig geworden sind, war die Zahl der Gemeindeglieder auf 17.000 angewachsen.

Damit möglichst viele Gemeindeglieder mit ihrer Gemeinde in Verbindung kommen konnten, wurde neben den schon vorhandenen Bezirkshelferinnenkreisen ein Besuchsdienst aufgebaut, der sich vor allem um die neu zugezogenen Gemeindeglieder kümmern sollte. Aber auch die herkömmlichen Kreise und nicht zuletzt das gottesdienstliche Leben erfuhren neue Impulse. Seit 1949 war der Diakon Siegfried Meyberg in der Gemeinde tätig. Jahre später tritt ihm seine Gattin als Gemeindehelferin zur Seite. Trotz mancher gesundheitlicher Belastungen aufgrund seiner schweren Kriegsverletzung baute er mit seiner Gattin die Kinder- und Jugendarbeit neu auf. Von den Pastoren, die mit Pastor Niemann zusammen an der Nazarethkirche Dienst taten, wären besonders zu nennen: Pastor Erich Jung, der früh einer schweren Krankheit erlag, und Pastor Günther Klages, später Professor in Hildesheim. Lange Zeit mit ihm zusammengewirkt haben Pastor Theodor Hasselblatt und von 1963 bis 1975 Pastor Sven Olof Svensson, später tätig an der Markuskirche in Hannover. Neben Pastor Hasselbiatt versahen Pastor Karl-Friedrich Oppermann und von 1975 - 1995 Pastor Dr. Walter Lindemann die beiden anderen Pfarrstellen der Nazarethgemeinde. [Text: Lindemann 1982] Von 1988 - 2002 hat Pastorin Cornelia Kühne die 2. Pfarrstelle versehen; sie hatte hier einen halben Auftrag, mit der andere Hälfte war sie in der Schwerhörigenseelsorge tätig. Kurzfristig war die 3. Pfarrstelle mit Pastor Matthias Schäfer besetzt (1995 - 96), der in der kurzen Zeit segensreich wirkte; die Pfarrstelle wurde danach dauervakant.

Ab August 1995 wirkte auf der 1. Pfarrstelle Pastor Arndt von Arnim, auf der 2. ab November 2002 Pastorin Anja Garbe (1/2 Stelle). Seit Ende 2004 arbeitete Diakonin Christiane von Arnim in der Gemeinde. Die Größe der Gemeinde ist - der demographischen Entwicklung folgend - im Jahre 2005 auf etwa 5.000 zurückgegangen.

Knapper werdende Mittel bewirkten ein Überdenken der bisherigen Strukturen. So bildeten seit Februar 1999 die Nazarethgemeinde und die benachbarten Gemeinden Athanasius und Paulus eine so genannte Region. Dies wurde notwendig, da der Stadtkirchenverband Hannover zum 1. Januar 2001 neu strukturiert wurde: es gibt nur noch einen Kirchenkreis Hannover anstelle der 8 bisherigen. So stellt diese Region gleichzeitig den Wahlbezirk für die Wahl zum Stadtkirchentag dar. Sichtbares Kennzeichen der Region ist seit Juni 1998 das von den drei Gemeinden gemeinsam herausgegebenen Gemeindemagazin, das inzwischen als Stadtteilmagazin in der Südstadt etabliert ist. Das Gemeindehaus der Nazarethgemeinde wurde mittlerweile auch in gewisser Weise öffentliches Zentrum der Südstadt; so fand z. B. das durch den Bezirksrat initiierte Verkehrsforum in den Räumen der Nazarethgemeinde statt. Auch das Wirtschaftsforum Südstadt nahm hier seinen Anfang.

2009 haben sich die Nazarethgemeinde und die benachbarten Gemeinden Athanasius und Paulus zur Südstadt-Kirchengemeinde zusammengeschlossen.