125 Jahre Paulus-Kirche

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Pauluskirche gebaut wurde, sah die Welt in und um Hannover noch anders aus. Die Gartenkirche St. Marien hatte sich Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts für „ihre fast 20.000 Seelen starke Gemeinde als zu klein erwiesen". Darum beriet der Kirchenvorstand im Dezember 1882 mit dem Vertreter des Königlichen Landesconsistoriums, dem Abt Dr. Uhlhorn, über den Bau einer zweiten Kirche, die – wie andere Kirchbauten dieser Zeit – die wachsende Stadt Hannover mit einem „Kranz von neuen Kirchen" umgeben sollte, wo bisher „ohne Türme die Massen der Häuser sich ausdehnten". Mehrere Gremien stellten „Beihülfen" von mehreren 10.000 Mark in Aussicht, so dass bereits am 10. November 1883, dem 400. Geburtstag Martin Luthers, der Grundstein der neuen Pauluskirche gelegt werden konnte. Der Bau der Pauluskirche nach dem Entwurf des Baumeisters Eberhard Hillebrand, einem Schüler des bekannten Konsistorialbaumeisters Conrad Wilhelm Hase, war innerhalb von drei Jahren fertig gestellt. Die Einweihung fand am 1. Advent, dem 28. November 1886 statt. Feierlich wurde der Kirchenschlüssel vom Baumeister an den ersten Geistlichen der neuen Paulusgemeinde, Pastor Gerbers, übergeben, der die Kirche ebenso feierlich im Namen des dreieinigen Gottes aufschloss. Die Weihepredigt hielt Konsistorialrat Ahlfeld. Anschließend erklang als erstes Gemeindelied in der Kirche: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren". Es herrschte Aufbruchstimmung in der Kirche und in der wachsenden Stadt Hannover. Der Pfarrbezirk der neu gegründeten Gemeinde umfasste damals nur 16 Straßen mit 220 Häusern und insgesamt rund 3200 Menschen – vorwiegend Gemüsegärtnern und Wäschern. Die Schule für alle Kinder der Südstadt vom Emmerberge bis zur Bult war die Bürgerschule V an der Marienstraße für etwa 600 Kinder mit drei Knaben- und drei Mädchenklassen. Am Aegidientor standen nur zwei Häuser: Das Torschreiberhaus und die Höhere Töchterschule, außerdem die großen Höfe und Gärten der Familien von Reden und von Arnswaldt. So stand die neu gebaute Pauluskirche zunächst auf freiem Feld, doch Gemeinde und Stadtteil wuchsen zusehends, so dass sie Anfang des 20. Jahrhunderts, eingebettet in die sich ausdehnende Südstadt, ein kleines Zentrum bildete, umgeben von Häusern, Geschäften, Gaststätten und gegenüberliegendem Standesamt.


Seither sind zwei Weltkriege und bewegte Zeiten über die Pauluskirche hinweggegangen. Vieles von der alten Pauluskirche wurde im Feuersturm des 9. Oktober 1943 zerstört. Der Wiederaufbau geschah erst in den Jahren 1957 /58 unter Belassung der überkommenen Grundstruktur von Wänden und Pfeilern im Äußeren und im Inneren. Nur der Turm erhielt nach dem Krieg anstelle seiner schlanken Turmspitze einen eher wuchtigen Aufsatz. Er wurde „verschlimmbessert", sagte manch einer. Aber man gewöhnt sich an alles ...

Anke Merscher-Schüler