"Endlich waren wir erlöst vom Bunker- und Luftschutzkellerleben! Während unsere Eltern damit beschäftigt waren, die Familie mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen, lebten wir Kinder weitgehend unbeschwert. In den Trümmern der zerstörten Häuser konnten wir herumtoben, und von den in der Nähe stationierten Besatzungssoldaten lernten wir Baseballspielen. Manchmal bekamen wir von ihnen auch Schokolade oder Bananen geschenkt. So etwas hatten wir ja noch nie gesehen!

Aber bald begann auch für uns der Ernst des Lebens. In den weniger zerstörten Schulgebäuden wurde der Unterricht wieder aufgenommen, auch der Konfirmandenunterricht konnte in der weitgehend erhalten gebliebenen Sakristei der Pauluskirche stattfinden.

Über den normalen Religionsunterricht hinaus versuchte Superintendent Rohde, uns ein wenig Geborgenheit, ein "Zuhause" zu vermitteln, denn unsere Väter waren noch in Kriegsgefangenschaft, gefallen oder derart vom "Überlebenskampf" in Anspruch genommen, dass sie keine Zeit für uns hatten. Pastor Rohde gab uns das Gefühl, jemand kümmert sich um uns, und wir waren nicht allein. So wurde er bald zu unserem geliebten "Onkel Pastor". Mit allem Fleiß lernten wir alles, was er uns als Hausaufgaben aufgab, denn Auswendiglernen war das Gebot der Stunde. Es mangelte an allem, an Schreibmaterial, Gesangbüchern und Bibeln.

Trotz aller Bemühungen von Pastor Rohde, uns zu folgsamen, gläubigen Christenmenschen zu erziehen, beschlichen uns manchmal "böse Gedanken und Absichten". Der Reiz, etwas Verbotenes zu tun, unsere Lehrer und Eltern zu ärgern, wurde übermächtig.

Es war Herbst, und in den Schrebergärten reiften die Kürbisse. Es war nicht sehr schwierig, ein besonders großes Exemplar zu "organisieren", auszuhöhlen, Nase, Mund und Augen hineinzuschnitzen und innen eine Kerze anzubringen. Trotz des Verbotes, die Treppe in dem fast zerstörten Kirchturm zu betreten, gelang uns Leichtgewichten (wir waren wahrlich nicht üppig ernährt), uns an den Wänden die Stufen hinaufzuhangeln, unser Gespenst in einem Kirchturmfenster zu befestigen und die Kerze darin anzuzünden. Ob sich irgend jemand zu nächtlicher Stunde von unserem Kürbis-Gespenst beeindrucken ließ oder gar in Angst und Schrecken die Flucht ergriffen hat, ist nicht überliefert.

Schwerer wog ein Streich, den wir im darauf folgenden kalten Winter ausführten. In der Sakristei befand sich ein großer eiserner Ofen, der mit Holzscheiten, die wir in den Trümmern der zerstörten Häuser oder in der nahen Eilenriede fanden, beheizt wurde. Bisweilen konnten wir auch einige Briketts "besorgen" und so dazu beitragen, dass der Unterricht in einem warmen Raum stattfinden konnte. Aber wer hatte die Idee, den Ofen statt mit Holz oder Briketts mit Lumpen vollzustopfen? Lumpen waren leicht zu finden. Wir steckten sie in den Ofen, an der Ofentür natürlich verdeckt mit Papier und dünnen Ästen. Pastor Rohde kam, zündete Papier und Äste an, und - im Handumdrehen stand die Sakristei in dichtem, stinkendem Qualm. Der Unterricht fiel aus - jubelnd rannten wir davon zum Völkerballspielen.

Die Strafe folgte auf dem Fuße, in der nächsten Konfirmandenstunde durch Pastor Rohde, härter und unbarmherziger noch zu Hause. Unsere Mütter waren selbstverständlich sofort informiert worden. Offenbar haben diese Predigten Wirkung gezeigt, denn ich kann mich nicht an weitere Streiche erinnern. Der Übermut war uns vergangen. Pastor Rohde hat uns auch verziehen - er erteilte uns weiterhin Unterricht und hat uns am Ende konfirmiert.

Wir "bösen Buben und Mädchen" danken es ihm, indem wir uns gern an ihn und unseren "Konfer" erinnern und unserem "Onkel Pastor" ein liebevolles Andenken bewahren."

Linda Brockmann