Liebe Mitchristen der evangelisch-lutherischen Südstadtkirchengemeinde,

"Umbruch und Aufbruch!" - so stand es ganz dick in der letzten Ausgabe Ihres Gemeindemagazins. Da stehen sehr große Veränderungen für Sie an, die in der Folge der Fusion vor vier Jahren stehen und sicher für viel Gesprächsstoff sorgen. Die personellen Einschnitte, die Entwidmung der Athanasiuskirche und die Schaffung eines neuen Raumes als Ort der Begegnung in der Stadt sowie die Einrichtung einer Beisetzungstätte von Urnen in der Nazarethkirche sind Schritte einer schmerzhaften und zugleich auf Zukunft hin orientierten Entwicklung.

Umbrüche und Aufbrüche gehören zum Leben, auch zum Leben in der Kirche. Wir Katholiken werden z.B. an das Zweite Vatikanische Konzil erinnert, dessen Beginn sich am 11. Oktober 2012 zum fünfzigsten Mal jährte. Vieles, was heute zum Leben einer katholischen Pfarrgemeinde gehört, hat seine Grundlage in diesem Konzil. Dazu gehören die Verwendung der deutschen Sprache in der Feier der Hl. Messe, die Mitwirkung von "Laien" in den Gottesdienste, die Einrichtung von Pfarrgemeinderäten, in denen Gemeindemitglieder mitentscheidende Verantwortung für das Kirchenleben vor Ort wahrnehmen, und nicht zuletzt auch die ökumenische Zusammenarbeit mit den christlichen Kirchen und die Wertschätzung anderer Religionen. Heute werden selbstverständlich (!) in unserer Pfarrgemeinde ökumenische Gottesdienste (z.B. Weltgebetstag, Pfingstmontag, Altenheime) und gemeinsame kirchliche Trauungen gefeiert, singen wir die in den Gesangbüchern als ökumenisch gekennzeichneten Lieder, arbeiten wir in sozialen Bereichen zusammen (ökumenische Essenausgabe) und pflegen wir eine gute ökumenische Nachbarschaft (bis hin zu einem gemeinsam finanzierten ökumenischen Posaunenchor). All das ist nicht ohne das zweite Vatikanische Konzil zu denken. Selbst die gegenseitige Anerkennung der Ämter durch die Gemeinden (auch von Frauen als Amtsträgerinnen in der evangelischen Kirche!) ist Alltag und kann als eine Frucht dieser bahnbrechenden ‚Reformation' in der katholischen Kirche gesehen werden. Ich selbst habe die bis zum Konzil geltende Praxis nicht erlebt, sondern bin mit den umgesetzten Veränderungen großgeworden. In vielen Bereichen meines priesterlichen Dienstes atme ich somit den Geist, der von diesem Konzil ausging.

Bei allen Errungenschaften der vergangenen fünfzig Jahre ist Ökumene weiterhin auf dem Weg und längst nicht am Ziel. Gerade die strukturellen Veränderungen jüngster Zeit, die wir miteinander teilen - und dazu gehören die Bildung größerer Kirchengemeinden und die Kürzungen im pastoralen Personal -, machen es notwendig, über ökumenische Anliegen angesichts einer verändernden Situation zu sprechen und sie weiterzuentwickeln. Das ist auch mein Wunsch für das neue Jahr: dass wir angesichts der Umbrüche und Aufbrüche unseren guten ökumenischen Dialog fortsetzen und uns einander auf der Suche nach Wegen, in der heutigen Zeit lebendige Gemeinde Jesu Christi zu sein, stützen und stärken.

In diesem Sinn grüße ich Sie alle und wünsche Ihnen als Gemeinde für den Weg, der mit den gewagten und mutigen Plänen beschritten wird, Gottes Kraft und seinen erfüllenden Segen!

Ihr Johannes Lim
Pfarrer von St. Heinrich