Seit Herbst 2012 ist es eine – auch traurige – Gewissheit: Im Rahmen der notwendigen Veränderungen aufgrund landeskirchlicher Stellen- und Mittelkürzungen wird die Südstadt-Kirchengemeinde ein Kolumbarium / Urnenbegräbnisstätte im Seitenschiff der Nazarethkirche einrichten und die Athanasiuskirche in der Böhmerstraße entwidmen. Hier entsteht unser neues Veranstaltungszentrum, in dem der Kirchraum zu einem vielseitig benutzbaren Veranstaltungssaal umgestaltet wird.

„Mit dem Kopf sehe ich vollkommen ein, dass dies ein guter Plan ist. Aber eine andere Stimme sagt zwischendurch, dass es auch traurig ist, die Athanasiuskirche zu schließen", beschreibt Prädikantin Ursula Schnaus ihre zwiespältigen Gefühle. Wie ihr Mann Peter und viele andere ist sie seit Jahrzehnten mit dem Gotteshaus in der Böhmerstraße verbunden. So mag es auch anderen gehen, die hier gebetet, gesungen, gefeiert und getrauert haben. Seit der feierlichen Kircheinweihung am 3. Advent im Dezember 1964 mit dem damaligen Landesbischof Lilje wurden hunderte von Gottesdiensten gefeiert. Viele Kinder aus der Allmers- bis zur Wilhem-Bünte-Straße sind hier getauft und noch mehr Jugendliche konfirmiert. Die Menschen derAthanasiusgemeinde haben unter dem vom Künstler Hubert Distler gestalteten Altarbild Ostern und Weihnachten gefeiert, trafen sich zu Andachten und gottesdienstlichen Feiern aller Art. Der Chor unter der Leitung von Prof. Rainer Fanselau gestaltete das Gemeindeleben aktiv mit. Verständlich also, wenn manche knapp 50 Jahre nach der Einweihung auch traurig sind und „ihre" Athanasiuskirche vermissen werden.

Die Planungen für diese Kirche, die nach dem orthodoxen Bischof Athanasius benannt ist und deren Name mit der ökumenischen Öffnung auch für Orthodoxe Anfang der 60ger Jahre zusammen hängt, begannen schon 1955. Nach anfänglichen Bedenken der beiden Mutterkirchen Bugenhagen und Paulus, die je eigene Bauvorhaben und Renovierungen geplant hatten, gewann der Neubau zwischen Mendelsohn- und Hildesheimer Straße rasch konkrete Gestalt. Fanden die ersten Kirchenvorstandssitzungen noch in der Paulusgemeinde statt, wechselten die Männer und Frauen der ersten Stunde um die Pastoren Huhn (1962 bis 1982), Schomerus (1962) und Pfautsch (1963 bis 1993) bald in die Bodenstedtstraße. Vom Sommer 1962 bis Dezember 1964 feierte die junge Gemeinde übergangshalber und schon mit Prof. Rainer Fanselau als Kirchenmusiker im Musiksaal der benachbarten Peter-Petersen-Schule. Deren Rektorin Hildegard Sattler ist vielen noch immer als Kirchenvorstandsmitglied und später als Vorsitzende und Ehrenvorsitzende in bleibender und eindrücklicher Erinnerung. Stellvertretend für viele weitere Kirchenvorstandsmitglieder, die jahrzehntelang ihre Zeit, Wissen und Kraft zur Verfügung stellten, steht Steinmetzmeister Jürgen Steinkopf, der bis 2012 dem Kirchenvorstand angehörte. In ihrer jüngeren Geschichte bot die Kirche auch den Weltreligionen bei verschiedenen Anlässen und Feiern Raum: im Zusammenhang mit dem „Haus der Religionen", das mit dem Kirchentag 2005 in der Böhmerstraße entstanden ist. Seit drei Jahren nutzt die Südstadt-Kirchengemeinde, zu der Athanasius seit unserer Fusion 2009 gehört, den Kirchraum vor allem als Winterkirche und zu besonderen Anlässen.

Schon vor diesem Zusammenschluss musste der Kirchenvorstand immer wieder überlegen, ob die Kirche auf lange Sicht gehalten werden kann. Gehörten bei ihrer Gründung 1962 noch 5.500 Menschen dazu, lebten 2012 noch knapp 1.700 Menschen im Pfarrbezirk 1. Gleichzeitig hat sich das Gemeindehaus nicht zuletzt wegen des großen Engagements seiner haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden mit Küsterin Anja Renken als „guter Seele" und vieler Besucherinnen und Besucher mit „Haus der Religionen", dem Kulturbüro Südstadt,dem UHU-Theater und zahlreichen Chören, Gruppen und Initiativen schon jetzt zu einer Art Stadtteilzentrum entwickelt. Darauf wollen wir nun im wahrsten Sinn des Wortes aufbauen. Manches, so zum Beispiel Glockenturm und Chorproben im Saal werden bleiben, anderes wird sich mit Entwidmung und Umbau verändern: „Ich ziehe mit all meinen Gruppen und Instrumentalkreisen ins Gemeindehaus Paulus, und dort werde ich mit einem Team alter und neugewonnener Jugendlicher und Erwachsener einmal im Monat auch Kindergottesdienst anbieten", erläutert Prädikantin und Musiklehrerin Schnaus. Auch die Finnische Gemeinde wird in Paulus voraussichtlich Heimat finden; andere Gruppen nutzen die Räume beim Gemeindebüro in der Bodenstedtstraße oder im Gemeindehaus Nazareth.

Landessuperintendentin Dr. Ingrid Spiekermann wird am Palmsonntag die Athanasiuskirche im Gottesdienst entwidmen. Danach ziehen wir als Südstadt-Kirchengemeinde in feierlicher Prozession aus und durch die Südstadt in die Pauluskirche als einer der Mutterkirchen von Athanasius ein. Beides soll dann Platz und Raum haben: die Traurigkeit über diesen Abschied und die manchmal noch zaghafte Freude über neue Anfänge; wehmütige Dankbarkeit und die Hoffnung, dass wir als Südstadt-Gemeinde unsere Wege und Orte suchen und finden. Damit wir weiterführen, was schon der Kirchenvater Athanasius im 4. Jahrhundert in seinem 1. Brief an Serapion wusste: „Das, was durch den Glauben überliefert ist, darf man nicht nach Art menschlicher Weisheit, das muss man vielmehr durch gläubiges Hören erfassen". Gläubig hören und mutig gestalten – ein großes Ziel für 2013 und darüber hinaus.

Anja Garbe