Berichte und Urkunden aus der Geschichte von Paulus-Kirche und Gemeinde (Baugeschichte)

Zur Baugeschichte der Pauluskirche
(Wolfgang Frankenstein)

"Einen anderen Grund kann niemand legen ..." (1. Kor. 3, 11)

Einzelheiten über den Grundstein der Pauluskirche und die beabsichtigte feierliche Grundsteinlegung sind uns aus dem "hannoverschen Tageblatt" vom 10. November 1883 bekannt. Diese Zeitungsmeldung erwähnt die Namen zahlreicher am Werke Beteiligter. Viele andere müßten noch genannt werden. Einige wenig von ihnen sollen hier zu Worte kommen, weil - wie mir scheint - an ihrer Person und durch ihre Äußerungen Baugeschichte unserer Kirche deutlich wird. Dabei kommt uns der Inhalt der kupfernen Truhe im Grundstein - er ist unmittelbar vor dem linken Pfeiler des Altarraumes versenkt - zu Hilfe:

"Da die Gartengemeinde unserer lieben Vaterstadt Hannover im Begriff steht, eine zweite Kirche für ihre große Parochie zu erbauen, zu welcher die nötigen Mittel gesammelt werden müssen, so habe auch ich mich veranlaßt gefühlt, einen Baustein dazu beizutragen, und zu dem Zwecke diese kleine Schrift verfaßt, deren Überschuss zum Besten der zu erbauenden zweiten Kirche der Gartengemeinde bestimmt sein soll."

So leitet der in der Zeitungsmeldung erwähnte Steinhauermeister H. Ahrens - seit 1879 Ersatzmann des Kirchenvorstehers für die Ortschaft Emmerberg im "Gesammt-Kirchenvorstand" der Gartengemeinde - seine "Geschichte der Garten-Gemeinde ... zum Besten der St. Pauluskirche zu Hannover" ein. Im letzten Abschnitt wendet sich Ahrens den Vorbereitungen für den Bau unserer Kirche zu:

"Der Kirchenvorstand sah sich jetzt genötigt, von dem Bau einer größeren, der ganzen Gemeinde genügenden Kirche abzusehen, und entschloß sich nun, zwei Kirchen für die große circa 20 000 Seelen zählende Gemeinde einzurichten und zu diesem Zwecke vorerst eine zweite Kirche mit etwa 800 Sitzplätzen versehen auf dem Emmerberge, und dann nach deren Fertigstellung den Bau der alten Kirche in Angriff nehmen zu lassen [...] Auf die dann vom Kirchenvorstand erlassene Ausschreibung einer Concurrenz zur Einlieferung von Entwürfen für eine zweite Kirche in der Gartengemeinde für nur hiesige Architecten sind von 22 Bewerbern die Concurrenzbedingungen abgeholt worden. Die Pläne mußten bis zum 30. April 1883 eingereicht sein. Für die beiden besten Pläne waren als erster Preis 600 Mark, als zweiter Preis 400 Mark ausgesetzt, und gingen die prämiirten Pläne damit in den Besitz des Kirchenvorstandes über [...] Die Herren Geheimer Regierungs- und Baurath Hase, Professor Baurat Debo und der Stadtbau-Inspector Wilsdorff wurden vom Kirchenvorstande ersucht, das Amt der Preisrichter bei dieser Concurrenz zu übernehmen, welches die vorgenannten Herren bereitwillig annahmen [...] Nachdem dieselben die mühevollen Arbeiten, die 18 eingelieferten Pläne, darunter recht tüchtige, ja zum Theil ausgezeichnete Leistungen sich befanden, auf das sorgsamste und eingehendste geprüft hatten, berichtete die Preisrichter-Commission an den Kirchenvorstand, daß sie nach wiederholten Prüfungen, nach sorgfältigen Erwägungen und Abwägungen dahin gelangt sei, die folgenden Pläne als die relativ besten zur engeren Prüfung zu bringen:

  1. den Plan mit dem Motto: Alpha Omega,
  2. den Plan mit dem Motto: Eine feste Burg ist unser Gott,
  3. den Plan mit dem Motto: Josua,
  4. den Plan mit dem Motto: 2 concentrische Kreise mit Kreuz,

daß sie unter diesen vier Plänen den ersten Plan mit dem Motto "Alpha Omega" einstimmig als den vorzüglichsten erachten müsse [...] Da in den Concurrenzbedingungen ausgesprochen wäre, daß der einfach, aber solide zu projectierende Bau incl. Thurm, jedoch excl. Glocken, Orgel, Kanzel und Altar die Summe von 120000 Mark nicht überschreiten dürfe und daß Pläne, welche diese Summe überschritten, von der Concurrenz ausgeschlossen werden sollten, so hätte sich die Commission für verpflichtet gehalten, die zur engeren Concurrenz gezogenen Pläne auch hinsichtlich des Kostenpunktes einer sehr sorgfältigen Prüfung zu unterziehen und zwar nach ein und demselben Maßstabe. Dieser Prüfung sei die in jüngster Zeit hier zur Ausführung gekommene Apostelkirche, bei welcher die möglichste Einschränkung der Kosten stattgefunden, zu Grunde gelegt, und hätten sich nach dieser Grundlage die Kosten der vorerwähnten zur engeren Concurrenz verstellten vier Pläne wie folgt erwiesen:

  1. Plan Alpha Omega - 135300 Mark
  2. Plan Eine feste Burg ist unser Gott - 120000 Mark
  3. Plan Josua - 106000 Mark
  4. Plan concentrische Kreise mit Kreuz -136700 Mark

Nach diesem Ergebnisse seine die Pläne 1 und 4, da dieselben den vorgeschriebenen Kostenbetrag von 120 000 Mark überschritten, von der Concurrenz auszuschließen, und blieben nur übrig die Pläne 2 und 3. Diese beiden Pläne seien nach Überzeugung der Commission mit den ausgesetzten Preisen zu prämiieren [...] Nach Öffnung der mit gleichem Motto versehenen verschlossenen Couverte stellte sich heraus, daß der Verfasser des mit dem ersten Preis prämierten Planes der Architekt Hehl und der Verfasser des mit dem zweiten Preise prämierten Planes der Baumeister Hillebrand war. Nach angestellter Prüfung der Kassenverhältnisse hat der Kirchenvorstrand eine Herabminderung der Bausumme für nöthig erachtet und wählte daher der Billigkeit halber den mit dem zweiten Preise gekrönten Plan des Baumeisters Hillebrand, welcher von den Preisrichtern zu 106 000 Mark berechnet war. Nach einer späteren Sitzung beschloß der Kirchenvorstand, dieser neu zu erbauenden zweiten Kirche der Gartengemeinde den Namen "St. Pauluskirche" beizulegen."

Eberhard Hillebrand ist ein Schüler des Konsistorialbaumeisters Conrad Wilhelm Hase, der uns bereits als Vorsitzender des Preisgerichts im Entwurfswettbewerb für unsere Pauluskirche begegnete. Stadtbauinspektor, später Baurat seines Zeichens, ist Hillebrand im Architekturführer von 1882 bereits als Erbauer einiger Geschäftshäuser vertreten. Lesen wir die Worte nach, die ihm Superintendent Rohde im Jahre 1936 widmete:

"Eberhard Hillebrand ist am 30. April 1840 zu Osnabrück geboren. Er entschied sich früh für das Baufach, erhielt seine erste praktische und theoretische Ausbildung an der Baugewerkschule in Nienburg und kam um 1859 auf kurze Zeit nach Hannover, wo er u.a. bei Architekt Tramm, dem Vater des späteren Stadtdirektors, als Zeichner tätig war. Im Frühjahr 1860 begab er sich mit mehreren Freunden auf die Wanderschaft, arbeitete in München und Basel und kehrte im Herbst in unserer Stadt zurück, die ihm später zur dauernden Heimat werden sollte. Auf dem hiesigen Polytechnikum wurde er Schüler des bekannten Baurats und Kirchenbaumeisters Hase, arbeitete auch nach Beendigung seines Studium kurze Zeit in dessen Atelier und wurde nach weiterer Ausbildung in Kassel und seiner Studienreise nach Frankreich im Jahre 1866 von der preußischen Regierung nach Schleswig berufen, wo er bis 1872 tätig war. Zu Beginn des Jahres nahm Hillebrand seinen Abschied aus dem Staatsdienst und kehrte nach Hannover zurück, erbaute hier zunächst mehrere Wohnhäuser an der Marien- und der Luisenstraße, beteiligte sich zwischendurch mit Erfolg an architektonischen Wettbewerben und beschäftigte sich dann fast ausschließlich mit der Ausführung von Kirchenbauten. Außer der Pauluskirche sind von ihm erbaut in der Stadt Hannover die Gartenkirche, die Petrikirche in Kleefeld, die Kirche des Stephansstifts, die Herrenhäuser Kirche, die Lutherkirche; auch die meisten der dazu gehörenden Pfarrhäuser sind von ihm geschaffen. Veröffentlicht sind seine kirchlichen Bauten in dem Werk "Evangelische Kirchen und Pfarrhäuser". Außerdem schrieb er eine Abhandlung "Über das Wiedererwachen der Gothik in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts" mit einer anziehenden Würdigung seines einstigen Lehrers Hase, des Erbauers der Christuskirche und der Marienburg [...] Er ist bis zu seinem Tode 1924 der Paulusgemeinde eng verbunden geblieben und war ihr in allen baulichen Angelegenheiten ein treuer sachkundiger Berater."

Der von Hase gefördert "gotische Stil" liegt auch Hillebrands Entwurf zugrunde. Er berichtet im Jahre 1887 über den Bau der Pauluskirche u.a.:

"Der Grundriß der Kirche ist einfach: An das im Lichten 26,99 m lange, 11,01 m breite, aus vier Jochen bestehende Langhaus schließt sich im östlichen der Triumphbogen und der nach dem Zehneck gebildete, etwas eingezogene Chor mit den beiden Sakristeien und einer, mit einem Eingange versehenen Nebenvorhalle, westlich der quadratische Thurm mit dem Haupteingange und zwei seitliche, zu den Treppen führenden Neben-Eingängen an. Die Strebepfeiler des Langschiffes sind in das Innere gezogen und durchbrochen, so daß sie zwischen sich schmale Seitenschiffe bilden, welche unten zu Gängen, oben zu Emporen ausgenutzt sind. Außer diesen Seitengängen ist ein 1,5 m bereiter Mittelgang, parallel der Achse des Langehauses angelegt. An der Westseite vor dem Thurme befinden sich zwei Emporen über einander, von denen die untere, in gleicher Höhe mit den Emporen der Langseiten liegende, für Sitzplätze, die obere etwas kleinere für die Orgel bestimmt ist. Die Höhe der Umfassungsmauern über Fußboden-Oberkante beträgt 12 m, die ganze lichte Höhe des Mittelschiffes bis zum Gewölbe-Schlußstein 15 m. Die Joche des Langeschiffes sind durch Kreuzgewölbe überspannt, deren Kappen in den zwischen den Strebepfeilern angebrachten Tonnengewölben der Seitenschiffe ihre Widerlager finden [...] Die Akustik der Kirche hat sich als gut herausgestellt. Zur Ausstattung des Inneren: Zu den 5 mit Glasmalerei in Antikglas versehenen Chorfenstern hat der Architekt Linnemann in Frankfurt a.M. die Entwürfe geliefert. Diese Fenster wurden, mit Ausnahme des mittleren, von Linnemann selbst ausgeführten, in Hannover angefertigt, desgleichen auch die in Musterverglasung aus Kathedralglas hergestellten Fenster der Seitenschiffe. Die Ausschmückung der inneren Wände und der Gewölbe hat der Maler Mittag hierselbst nach eigenen Entwürfen geliefert. Die aus Sandstein bestehenden Teile, nämlich Altar, Kanzel, Taufstein und das Tympanon des Haupteinganges sind von dem Frankfurter Maler Ballin mit Farbenschmuck versehen [...] Das H-moll-Geläute mit den Tönen h, d, fis, von Radler & Söhnen in Hildesheim geliefert, kostet 7900 M. Die Uhr von Weule in Bockenem mit zwei Schlagglocken und einem Betglockenwerke 2800 M. Die Orgel mit 24 Stimmen und 4 Nebenzügen, 2 Manualen und einem Pedale wurde von Becker in Hannover zum Preise von 7300 M geliefert. Die beweglichen Ausstattungsstücke bestehen u.A. in einer in Leinenstickerei nach Holbein´scher Art gearbeiteten Altardecke, drei reich gestickten Antependien und den vom Hof-Goldschmiede Rusch in Hannover ausgeführten Altargeräten. Von den letzteren, deren Gesamtpreis 3000 M beträgt, sind der Kelch und die Patene aus Silber hergestellt, die übrigen Geräte: Ciborium, Kanne und Leuchter dagegen aus Kupfer bzw. Bronze gearbeitet. Die sämmtlichen Geräthe, mit Ausnahme der zwei Leuchter, welche fast ganz durch Guß hergestellt sind, wurden aus Silber- bzw. Kufper-Platten mit Büffelhorn-Hämmern aus freier Hand getrieben und mit reicher Filigran-Email- und Ciselir-Arbeit versehen."

Vieles ist davon im Feuersturm des 9. Oktober 1943 untergegangen. Der Wiederaufbau geschah in den Jahren 1957/58 nach Plänen Dr. Ziegelers unter Belassung der überkommenen Grundstruktur von Wänden und Pfeilern im Äußeren und im Inneren, jedoch insbesondere im Innern in moderner, sehr schlichter Form. Der Turm erhielt anstelle seiner schlanken Turmspitze einen sehr wuchtigen Aufsatz. Die Innenausmalung des Jahre 1984 "nahm die Reststrukturen des neugotischen Bauwerkes wieder auf", wie es in der Veröffentlichung des Nds. Institutes für Denkmalpflege heißt.

Inneneinrichtung der alten Pauluskirche
(Gemeindebrief vom 1. Advent 1961)

Nach der Zerstörung der Kirche im 2. Weltkrieg erinnerte sich ein Gemeindeglied "an die großen Chorfenster, die so oft das Auge durch ihre Farbenpracht erfreuten und das Herz auf das Erlösungswerk unseres Herrn hinlenkten: Links vom Altar die alttestamentlichen Bilder, Vertreibung aus dem Paradies und Moses, der auf das Heilszeichen, die eherne Schlange, hinweist, rechts die Verkündigung Mariae und der als Sieger aus dem Grabe emporsteigende Christus, über dem Altar die beiden Apostelfürsten Paulus und Petrus. Über die Stifter der beiden Wandgemälde aus dem Leben St. Pauli über dem Eingang zur Sakristei und der "Fürstenloge" ist mir nichts bekannt. Das Bild zur Linken stellte den Apostel dar, wie er den Kerkermeister zu Philippi, der ihm zu Füßen fällt, aufrichtet; darunter das Wort: Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig. Auf dem Bild gegenüber war Paulus dargestellt, wie er vor dem Landpfleger Felix sich verantwortet, mit der Unterschrift: Christus ist mein Leben. Vor einer Nische auf der rechten (südlichen) Chorseite stand der Taufstein, die Nische selbst war ausgefüllt durch ein Bild des Hannoverschen Malers Wichtendah: Christus segnet die Kinder, gestiftet durch die Witwe Frau Struckmeyer, Hildesheimer Straße. Der Altar selbst war aus weißem Sandstein und durch symbolische Gestalten geschmückt, die das erhöhte Standbild des lebenden Christus umgaben und das Opfer andeuteten, durch das er die Erlösung, die er verkündete, auch vollbracht hat: Auf der einen Seite der Hohepriester, dann Isaak, der das Holz zu seinem eigenen Brandopfer trägt, auf der anderen Seite zunächst Melchisedek mit Brot und Kelch in den Händen, dann Johannes der Täufer mit dem Lamm im Arm. Vier alttestamentliche Gestalten. Alles, was sie der Gemeinde zu sagen haben, ist Wahrheit und Erfüllung geworden in Christus. Darum stand sein Bild, die anderen überragend, in der Mitte, über ihm die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes, der in Christus in seiner ganzen Fülle wohnt. Die Kanzel, ebenfalls aus weißem Sandstein, mit Gold verziert, schmückten die Bilder der vier Evangelisten, denen ihre Sinnbilder - Engel, Löwe, Stier und Adler - beigefügt waren."

Die neuen Buntglasfenster der Pauluskirche
(H.K.)

"Als die Pauluskirche in den ersten Monaten des Jahres 1984 ihren neuen Innenanstrich erhielt, hat zunächst niemand an neue Chorfenster gedacht. Alle Kräfte in organisatorischer und finanzieller Hinsicht (die Gemeinde hat DM 16.000,- in Spendenmittelen aufgebracht) galten zunächst dem Vorhaben der Renovierung. Während dieser Arbeiten (im Februar 1984) bekam der Kirchenvorstand ein Angebot: Die Niedersächsische Handwerkskammer wollte der Pauluskirchengemeinde ein Buntglasfenster stiften, falls dieses auf der darauffolgenden Hannover-Messe im April zusammengesetzt werden könnte. Nun achten Sie auf den Zeitplan: Zufällig hatte eine Kirchenvorsteherin von dem jungen Glaskünstler Wolfgang Rather erfahren, der ein eindrucksvolles Fenster für ein Gemeindehaus in Bredenbeck gefertigt hatte. Er erklärte sich nach Gesprächen mit dem Kirchenvorstand bereit, in vier Wochen (!) einen Entwurf für alle Chorfenster vorzulegen. Der Entwurf fand Zustimmung, und im März wurde beschlossen, das Mittelfenster auf der Messe im darauffolgenden Monat anfertigen zu lassen. So sind wir an das erste Fenster gekommen, das im Juni 1984 eingesetzt worden ist. Die Gemeinde hat das Fenster dankbar angenommen. Der Anfang war gemacht. Immer wieder wurden Kollekten erbeten und Einzelspenden gegeben. An die Öffentlichkeit trat der Kirchenvorstand erst mit einem Spendenaufruf im Februar 1986. In diesem Aufruf hieß es u.a.:

" Unsere Kirche ist im Gegensatz zur alten Pauluskirche vor deren Zerstörung im Jahr 1943 sehr nüchtern wieder aufgebaut worden. Da gibt es wenig Punkte, an denen das Auge verweilen kann. Der Mensch aber ist nicht nur auf das Hören eingestellt, sondern auch auf das Sehen. Schon das gestiftete Mittelfenster bietet vielfache Möglichkeiten zum Schauen und Entdecken für Erwachsene und auch für Kinder. Der Kirchenvorstand ist sich dessen bewußt, mit den restlichen vier Fenstern ein Werk in Auftrag zu geben, das auch noch Menschen nach uns Anlaß zur Freude und Hilfe zum Glauben sein soll. Die Anschaffung der Fenster reicht über das unmittelbare Tagesgeschehen hinaus und ist mit der großen Hoffnung verbunden, daß uns der Friede erhalten bleibt und die Kirche nicht wieder zerstört wird. Wenn wir den Vorfahren dankbar sind für viele künstlerisch dargestellt Zeugnisse des Glaubenes, weshalb sollen nicht auch wir etwas schaffen und weitergeben, wenn uns das möglich ist. Außerdem geben wir einem jungen Künstler eine Chance."

Der Aufruf ist erhört worden, über DM 40.000 kamen spontan zusammen. Große Freude beim Kirchenvorstand! Die Fenster konnten in Aufrag gegeben werden. Am 19. Oktober konnten wir die Fenster in einem festlichen Gottesdienst der Gemeinde vorstellen. Viele haben mitgeholfen, der Pauluskirche dieses bleibende Geschenk zum 100. Geburtstag zu machen."

Zur Einweihung der Chorfenster
(Wolfgang Rather)

"Wir leben heut ein einer Industriegesellschaft, die verrationalisiert und vertechnisiert ist. Unser Lebensraum wird durch Technik und Bürokratismus unterhöhlt und zerstört. In einer solchen Zivilisation wächst das Bedürfnis, die Umwelt lebensfördernder zu gestalten und ihr die heilenden und helfenden Kräfte des "Sich-Wohl-Befindens" zurückzugeben. Wenn ich mit der Gestaltung der fünf Chorfenster auch nur ein wenig dazu beitragen könnte, solchem Bedürfnis gerecht zu werden, so hätte ich mein Hauptanliegen schon erreicht. Nachfolgend ein paar Worte zur inhaltlichen Konzeption der Fenster. Sie stehen unter dem Leitgedanken des "Heilsgeschehens in Jesus Christus". Es finden sich für die Erscheinung Jesu Christi in den oberen Fensterbereichen von links nach rechts lesbar Symbole christlicher Ikonographie, die ich nachfolgend erläutern möchte: Im ersten Fenster die aufgeschlagene Bibel als Symbol für die Verkündigung. Rechts daneben steht die brennende Kerze für die Geburt Jesu. Im zweiten Fenster sehen wir den Fisch in einem Wasserband als Zeichen der Taufe, darüber die Taube als Symbol des Heiligen Geistes. Rechts davon der Kelch im grünen, waagerechten gestreiften Quadrat, über dessen obere Begrenzung hinausreichend, ist er Zeichen der Überwindung irdischer Begrenzung. Das dritte Fenster ist in diesem Symbolzusammenhang der Kreuzigung zugeordnet. Das vierte Fenster steht für die Auferstehung: links die zerbrochenen Höllentore und rechts das Auferstehungssymbol des Kreuzes über der Erdenkugel. Das fünfte Fenster ist das Pfingstfenster: Noch einmal sehen wir die Taube des Heiligen Geistes in ihrer vertikalen Richtung auf den großen Kreis der zwölf Apostel hinweisen. Rechts neben der Taube das Pfingstfeuer, dessen Feuerzungen sich auf die Häupter der Apostel niederlassen. Nicht nur das Leitthema verbindet alle fünf Fenster miteinander, sondern auch der gemeinschaftliche blau-violette Farbklang. Besonders augenfällig ist der Lichtbogen. Er nimmt seinen Anfang im Paradiesbaum des ersten Fensters und endet am Kreis der Apostel im fünften Fenster. Aber auch die von der Mitte ausgehenden, weniger augenfälligen "Erd-Kraftlinien" und "Ereignislinien" wirken verbindend.

Über die angestrebte Harmonie hinaus hat jedes Fenster seine eigene Thematik, die ich im Einzelnen ein wenig beleuchten möchte: Da erste Fenster bezeichnet den Anfang der Weltordnung. Der blühende Paradiesbaum ist freudiger Schöpfungsauftakt. Doch in ihm sitz giftig-grün die Schlange und bietet uns die verlockende, verbotene Frucht, als den Anfang des Bösen, das es zu überwinden gilt. Am Fuße dieses Baumes steht rechts, in sich selbst versunken, eine Mutter mit ihrem Kind, vielleicht Maria mit dem Neugeborenen. Drei staunende Bewunderer auf der linken Seite scheinen zu ahnen, daß hier ganz leise der wirkliche Neubeginn stattfindet. Dem zugeordnet vermittelt die Gliederung des Hintergrundes durch sein schwingendes, frei fließendes Lineament das Gefühl von Materielosigkeit. Nicht so in den Fenstern zwei und vier. Hier gilt es, die Materie in ihrer vielfältigen Quadratur zu überwinden. Im zweiten Fenster ist es das Blau des Taufbandes, das sich durch die Materie hindurcharbeitet. In ihm zehnfach, in sich stetig verändernder Erscheinungsform, ein roter Kreis: Jesus auf seinem Weg von der Taufe bis hin zum Garten Gethsemane. Wobei sich hier in der rechten Fenstermitte zwölf kleine weiße Kreise um einen größeren roten Kreis gruppieren. Sie sind Sinnbild für Jesus und die zwölf Apostel im Augenblick des Judaskusses. Im vierten Fenster steht das Gewand Jesu symbolisch für die Überwindung der Materie. Auf der linken Seite weist es pfeilförmig abwärts in die Hölle, die durch ein kaltgrünes Quadrat markiert ist. Rechts daneben sehen wir die verschobene Grabplatte, über der das Gewand, nun mit seiner Spitze gen Himmel gerichtet, entschwebt. Im fünften Fenster wird, bezüglich der Hintergrundgestaltung, das Vokabular des ersten wieder aufgegriffen. Jesus hat für uns alle den Sieg über die Materie errungen. Die Jünger Jesu erfüllen ihre Mission. Selbst Saulus (unten links) wird von den Energiestrahlen Gottes erreicht und findet, stellvertretend für viele, seinen Weg als Paulus. Kernstück der gesamten Komposition ist das Mittelfenster. Seiner ganzen Fensterfläche unterlegt ist ein blau-violetter Farbteppich in formaler Korrespondenz zu den Fenstern eins und fünf. Vor diesem Hintergrund befindet sich im unteren Teile eine Vielzahl von Quadraten und Rechtecken, die ihrerseits ein Rechteck bilden, symbolisch für irdische "Begrenzung und Erdgebundenheit". Entsprechend überwiegt hier die Farbskala erdiger Farbtöne. Aus dieser Rechteckansammlung heraus löst sich ein rot-violetter Farbkreis mit hellblauen Akzenten. Er steht für die Entwicklung Jesu, der kraft freier Entscheidung seine Erdgebundenheit überwindet und der so, über die Zwischenstufe des Kreises unterhalb des Kreuzes Eingang findet in das Symbol der Dreifaltigkeit (Gottvater, Sohn und Heiliger Geist) im oberen Teil des Fensters. Dieses Trinitätszeichen besteht aus einem goldgelben Kreis (= Vollkommenheit), in dem sich ein rotes gleichseitiges Dreieck (= ordnende Kraft im Universum - Gottvater) befindet. In ihm wiederum steht der jetzt blaue Kreis für Jesus Christus. Zentrum aller fünf Fenster ist ein überwiegend in rot gehaltenes Kreuz, mit waagerechtem Kreuzstab (= Christengemeinde) und senkrechtem Kreuzstab (= Jesus). Unterhalb des Kreuzmittelpunktes befindet sich der nicht direkt formulierte kontemplative Mittelpunkt. Von ihm gehen, über die angrenzenden Fenster hinweg die schon erwähnten strahlenförmigen Ereignislinien nach links und rechts aus. Der Chorraum, als Bewahrer dieser Fenster ist architektonisches und sakrales Ziel und Zentrum dieser Kirche. Er ist der Abschluß des Kirchenschiffs und darüber hinaus perspektivischer Ziel - und Fluchtpunkt. Der Kirchenbesucher findet hier die optische und inhaltliche Korrespondenz, um deretwillen er gekommen sein mag. Diese hervorragende Stellung des Chorraumes galt es bei der Fenstergestaltung zu würdigen. Der Lichtbogen, die vom Mittelfenster ausgehenden "Ereignis- und Erdkraftlinien", aber auch das große Kreuz im Mittelfenster sind dabei die augenfälligsten Gestaltungselemente. Sie dienen dieser Chorraumbetonung ebenso wie natürlich die gesamte Farbgebung und Lichtführung. Doch jenseits aller rationaler Ausdeutungen sollten diese Fenster ein Meditationsteppich sein, in dem sich der Betrachter verlieren kann, um vielleicht sich selbst auf anderer Ebene neu begreifen und neu wieder finden zu können."