Berichte und Urkunden aus der Geschichte von Paulus-Kirche und Gemeinde (20. Jahrhundert)

1943: Die Zerstörung von Kirche und Südstadt

Spiegelt sich noch in dem Gemeindebrief, in dem Sup. Rohde drei Wochen nach jener Bombennacht 8./9. Oktober 1943 schrieb:

"Als am Erntedankfest die Glocken der Pauluskirche zum Festgottesdienst riefen, da ahnte wohl niemand, daß es das letzte Mal sein sollte, daß in unserem schönen Gotteshaus eine feiernde Gemeinde sich zum Gottesdienst versammelte. Wohl trug unsere Kirche die sichtbaren Spuren des Angriffs vom 22. September. Durch den Bombeneinschlag, der unsere Pfarrhäuser halb zerstörte, war auch die Kirche in Mitleidenschaft gezogen; die Orgel war zum Schweigen gebracht, die schönen Fenster mit den kunstvollen Glasmalereien waren zersplittert. Aber wir hatten im Kirchenvorstand doch die beste Hoffnung, unsere Arbeit in vollem Umfange weiterführen zu können; wir hatten Holz, um die Fenster zu verkleiden; Zimmerleute, Maurer, Tischler, Dachdecker standen bereit, die entstandenen Schäden auszubessern. In der Sitzung am Abend des 8. Oktober war alles bis ins Kleinste geregelt, - und wenige Stunden später war unsere Kirche eine traurige Ruine, unsere Pfarrhäuser mit den Sälen, unser Jugendheim bis auf den Grund ausgebrannt, die ganze Alt- und Südstadt in einem unvorstellbaren Maße verwüstet. Ich brauche das Furchtbare, das über uns hereinbrach, nicht noch einmal zu schildern. Wir haben ja alle in jenen schweren Stunden das gleiche durchlebt und durchlitten. Drei Wochen sind seitdem verstrichen. Das Leben beginnt wieder in den verödeten Straßen sich zu regen. Es sind doch noch mehr Häuser bewohnbar, als man zuerst annahm. Es ist noch ein Stück Paulusgemeinde vorhanden, und alle Versprengten, auswärts bei Verwandten und bekannten Untergebrachten werden sich immer noch als Gemeindeglieder fühlen und den Wunsch haben, mit ihrer Heimatgemeinde in Verbindung zu bleiben. Dem Wunsche soll dieser Brief und so Gott will noch mancher folgende entgegenkommen. Ich grüße Euch alle, Ihr Lieben nah und fern, Euch alle besonders, die Ihr wie wir Pastoren Haus und Hab und Gut verloren habt. Ich weiß, wie Euch zumute ist. Ich weiß, daß euch das Herz blutet, wenn wir unserer Kirche, unserer schönen, mit so viel Liebe ausgestatten Kirche gedenken. Aber eben um dieser Kirche willen, durch die wir alle miteinander verbunden sind, die uns auch als Ruine immer noch Sinnbild unserer Zusammengehörigkeit bleibt, bitte ich, auch im Namen meines Amtsbruders, auch im Namen der noch gebliebenen Kirchenvorsteher: Haltet unserer Kirche und Ihm, dem wir darin gedient, dessen Wort wir in ihr verkündigt haben, die Treue! Lasst uns zusammenhalten und so gut wir können einander helfen, das gemeinsame Leid, das über uns kam, zu tragen und zu überwinden. Ob und wie sich das so grausam zerstörte Gemeindeleben wieder aufbauen lässt, muss die Zukunft lehren. Solange die Pauluskirche keinen eigenen Raum für gottesdienstliche Feiern hat, werden wir mit der Bugenhagengemeinde unsere Gottesdienste halten. Nachrichten über "Freud und Leid" sollen im nächsten Brief folgen. Von Freude wird nicht viel zu berichten sein, desto mehr von Leid und namenlosem Weh, das über manche Familien gekommen ist. Ich denke an die zwölf Bewohner des Hauses Bürgermeister-Fink-Straße 18, die sämtlich in der Nacht zum 9. Oktober ums Leben kamen und gemeinsam von mir auf dem Stöckener Ehrenfriedhof beerdigt wurden; ich denke an neue Opfer, die der Krieg an den Fronten gefordert hat. Gott der Herr sei allen Trauernden und Leidenden mit seiner Hilfe nah!"

Im darauffolgenden Gemeindebrief (Dezember 1943) berichtet Sup. Rohde vom Echo auf seinen Brief:

"Aus den vielen, vielen Briefen, die täglich als Antwort auf meinen am 1. November geschriebenen Gemeindebrief einliefen, klang mir einstimmig und herzlich die Freude darüber entgegen, daß es noch eine Paulusgemeinde gibt, daß trotz zerstörter Kirche das Gemeindeleben weitergeht und die Gemeinschaft mit den Versprengten soweit als möglich gepflegt werden soll. Das Band, das uns durch unsere Kirche verbindet, ist durch das gemeinsame Leid nur noch fester geknüpft. Das hat auch mir den Mut und die Freudigkeit zu neuer Arbeit gestärkt, mir und ebenso meinen treuen Mitarbeiterinnen, Fräulein Ehrenfeuchter und Schwester Elisabeth, die beide in Hannover geblieben sind und ihren Dienst in der Gemeinde weiter tun."

1951/52: Bau des Gemeindehauses

Gemeindebrief, Advent 1951

"Viele von uns werden mit aufrichtigem Dank gegen Gott und mit großer Freude festgestellt haben, daß die Bauarbeiten auf unserem Kirchengrundstück endlich begonnen haben. Sie gelten dem Wiederaufbau unseres neuen Gemeindehaues. Dieses wird vor allem einen würdigen Kirchensaal enthalten. [...] Der Wiederaufbau der Kirche, der im Augenblick beim besten Willen nicht möglich ist, wird nur dann später durchzuführen sein, wenn wir jetzt ein Gemeindezentrum und, da uns die bisherigen Räume gekündigt sind, einen würdigen Gottesdienstraum schaffen, der den Zusammenhalt unserer ständig wachsenden Gemeinde ermöglicht.

1956: Einweihung der Kindertagesstätte

Hier sind sie geborgen (HAZ vom 16.4.1956)

"Im offenen Winkel der Sonne entgegen strecken sich die beiden Gebäude, in denen der neue Kindergarten der ev.-luth. Pauluskirche untergebracht ist. Jahrzehntelang hat die Gemeinde für die Kinder gesorgt, aber erst nach mancherlei Schwierigkeiten konnte ein neues Heim bezogen werden. "70 Kinder finden hier eine Stätte der Geborgenheit im Zeichen des guten Hirten", sagt Stadtsuperintendent Wolckenhaar bei der Einweihung. Zweckmäßig und schön würden die Räume geschaffen. Da ist die Krabbelstube für die Kleinsten. Dann gibt es die Horträume für die schulpflichtigen Kinder und den eigentlichen Kindergarten. Sie sind also gut geeignet für Laubsägearbeiten. In den Obergeschossen ist der Konfirmandensaal untergebracht. Außerdem gibt es hier die Wohnungen. Bei der schlichten Einweihungsfeier wurde auch dem Außenstehenden klar, wie sehr hier die ganze Gemeinde unter Pastor Sauerbrei aus christlichem Gemeinschaftsgeist heraus mitgewirkt hat, daß der Bau zum Wohle der Kinder entstehen konnte."

1957/58: Der Wiederaufbau der Kirche

Die Bausteine kommen (HAZ vom 6.3.1957)

"Man hat die Ruine der Pauluskirche gelegentlich schon als "die letzte Ruine der Südstadt" bezeichnet. Damit solle gesagt werden, daß - wo so viele Neubauten entstehen - wohl auch an einen Wiederaufbau der Kirche gedacht werden müsse. Das ist richtig und wenn bis heute noch nichts zum Wiederaufbau geschehen konnte, so liegt das daran, daß es viele vordringliche Schäden gab, die zuerst beseitigt werden mußten. Wer die Südstadt kennt, der weiß, wie stark gerade hier die Zerstörungen durch den Bombenkrieg waren. Noch 1950 war die Wohnungsnot hier so groß, daß kein Geistlicher, keine Schwester der Gemeinde innerhalb des Sprengels wohnte. Inzwischen sind Wohnhäuser gebaut worden, ein Gemeindesaal ist errichtet und ein Kindergarten gebaut worden. Im Jahre 1955 hat man die Ruine der Pauluskirche auf ihren baulichen Zustand hin untersucht und festgestellt, daß die Seitenwände und der größte Teil des Turms so gut erhalten sind, daß man sie unbedingt bei einem Neubau mit einschließen kann. Diese Forderung wurde dann auch bei einem Architektenwettbewerb gestellt, der anschließend ausgeschrieben wurde. Einstimmig wählte man den Entwurf des Architekten Dr. Ziegeler, Hannover, dessen Pläne jetzt auf einer Gemeindeversammlung im Lichtbild gezeigt wurden."

Pauluskirche entsteht neu (HAZ vom 14.1.1958)

"Aus Spenden wiederaufgebaut / Erster Abschnitt fast fertig

Der am 1. Juli 1957 begonnene Wiederaufbau der zerstörten Pauluskirche an der Meterstraße macht gute Fortschritte. Die Gemeinde hofft, daß im Frühjahr, spätestens zu Beginn des Sommers der erste Bauabschnitt abgeschlossen werden kann. [...] Die wenigen Gemeindeglieder der letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre kamen in der ehemaligen Lotte-Kestner-Schule in einem kleinen und dann in einem größeren Raum zu ihren Gottesdiensten zusammen. 1952 aber konnte endlich das neue Gemeindehaus mit einem Kirchensaal eingeweiht werden, der auch heute noch benutzt wird, jedoch ebenfalls schon wieder zu klein geworden ist."

(HAZ vom Mai 1958)

"Paulusgemeinde beging Richtfest

Am 9. Mai beging die Paulus-Kirchengemeinde in Hannover die Richtfeier ihrer im Wiederaufbau befindlichen Kirche, die während des Krieges zu 90 Prozent zerstört worden war und die die Gemeinde in all diesen Jahren um so mehr entbehrt hat, als mit dem Wiederaufbau der Südstadt auch die Paulus-Kirchengemeinde von ein paar hundert Gliedern, die nach der Zerstörung noch im Bereich der Gemeinde wohnten, wieder auf rund 16000 Seelen angewachsen ist. Die Gemeinde hofft, daß der Wiederaufbau des Gotteshauses noch zu Ende diese Jahres vollendet sein wird. Nicht weniger als 87000 DM hat die Gemeinde aus kleinsten Beträgen zusammengebracht. Für die am Werk des Wiederaufbaus Schaffenden gab Baumeister Heeren seiner Freude darüber Ausdruck, an diesem Werk mitschaffen zu können."

(Die Botschaft, Januar 1959)

"Pauluskirche wieder eingeweiht
Festgottesdienst mit Landesbischof D. Lilje am 4. Advent

Unter Assistenz von Stadtsuperintendent Wolckenhaar und Pastor Koll (Hann.-Münden), der früher lange Jahre in der Paulusgemeinde gewirkt hat, weihte Landesbischof D. Lilje am 4. Adventssonntag unter stärkster Anteilnahme der Gemeinde die nah den Kriegszerstörungen wieder aufgebaute Pauluskirche in einem festlichen Gottesdienst ein. Vom Gemeindehaus her, das während der letzten sechs Jahre als gottesdienstliche Stätte benutzt worden war, bewegte sich der Zug der Geistlichen, der Kirchenvorsteher, kirchlichen Mitarbeiter und Ehrengäste durch ein dichtes Spalier zum Portal des wiederaufgebauten Gotteshauses, vor dem die feierliche Schlüsselübergabe erfolgte. Nach dem Einzug der Gemeinde in der Kirche, die in kurzer Zeit völlig überfüllt war, vollzog der Landesbischof die Einweihung: zunächst die der ganzen Kirche, dann die Einweihung von Altar, Kanzel und Taufstein. In seiner Predigt gab der Landesbischof der großen Freude der Gemeinde, die nach 15 Jahren endlich ihr eigenes Gotteshaus wieder erhalten hat, unter dem Leitwort "Erfüllte Erwartung!" warmherzigen Ausdruck."

1986: 100-Jahr-Feier der Pauluskirche (H.K.)

"Zu den großen Festtagen der Pauluskirche kommt nun auch der 1. Advent 1986 hinzu, an dem die Gemeinde der Einweihung der Kirche vor 100 Jahren gedenken wird. Nach dem Wiederaufbau 1958 hat sich die Kirche noch einmal verändert: 1965 ist die neue Orgel geweiht, 1984 der Kirchenraum gründlich renoviert worden und im Oktober 1986 wurden die restlichen Buntglasfenster im Chorraum eingebaut. Höhepunkt der Feiern wird ein Festgottesdienst sein, in dem Landesbischof Lohse predigen wird."